Gaaaanz laaangsaaaam….


veröffentlicht von Rainer Ulrich aus seinem Buch "Schmetterlinge entdecken und verstehen"


Gaaaanz laaangsaaaam….

 

 

8. Juli 1981, 10:30: Wegekreuz im Frankenbacher Wald bei Dirmingen im mittleren Saarland. Ich habe mein Auto als Köder abgestellt und zusätzlich noch ein verdorbenes Kotelett sowie ein Stück Limburger Käse ausgelegt. Damit will ich Schillerfalter anlocken. Diese prächtigen Falter interessieren sich überhaupt nicht für Blüten. Vielmehr fliegen sie auf alles, was ordentlich stinkt: Kot oder Aas, ja sogar ein übel verschwitztes T-Shirt.

 

10.35. Es stinkt entsetzlich - die Schillerfalter können kommen. Ich sitze am Rand des Waldwegs und warte. Doch nichts geht.

 

10.58 Uhr. Ein lila-schillerndes Etwas saust mit rasender Geschwindigkeit über den Waldweg. Hatte das Kerlchen nicht hellbraun eingefasste Flügel? Tatsächlich: Ein Kleiner Schillerfalter! Zum damaligen Zeitpunkt war dies in „meinem“ gut 40 km² großen Gebiet rund um Illingen der erste und eine echte Sensation. Doch das ist erst der Anfang: Klammheimlich ist ein Großer Schillerfalter von einer mächtigen Eiche herabgesegelt. Nun flattert er im Inneren meines Autos – und klettert auf dem klebrigen Steuerrad herum. Benzin riecht einfach betörend, ist mal wieder ein besserer Köder als der Limburger, der langsam wie Butter in der Sonne zerfließt... Nebenan klettern Kaisermäntel und ein weiterer Großer Schillerfalter auf dem Kotelett herum. Freudig erregt kann ich die gierig saugenden Falter fotografieren.



Gar nicht so selten: Schillerfalter werden oft von Autos magisch angezogen. Sie fliegen ins Wageninnere, saugen Schweiß am Lenkrad oder von den Sitzpolstern. Oder sie saugen an der Lackierung, den Radkappen bzw. den Reifen. Warum sie das machen, weiß man bisher noch nicht genau. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass Die Falter auch Wassertropfen aus dem Mund abgeben können und so in der Lage sind, die Mineralien auf den trockenen Unterlagen mit der Flüssigkeit aufzusaugen links). - Der Größenunterschied beim Gr. (oben auf dem Hundekot und auf dem linken Foto am Reifen) und Kl. Schillerfalterist recht gering. Am einfachsten lassen sich die beiden Arten durch die unterschiedliche Zeichnung der Flügel-Unterseite auseinander halten.


11.08. Wieder taucht der Kleine Schillerfalter auf. Aber diesmal interessiert er sich nicht für die ausgelegten Köder, sondern für den, der da herumläuft: nämlich mich! Weil ich so schön vor Schweiß triefe und wohl auch dementsprechend rieche. Der herrliche Falter umkreist mich ein paar Mal und landet schließlich auf meiner Brust - direkt neben der umgehängten Fotokamera. Jetzt nur nicht bewegen...Das Schillerfaltermännchen rollt in aller Seelenruhe seinen Rüssel aus und saugt sich ungeniert voll. Minutenlang. Unwillkürlich denke ich an einen Satz, den ich einmal in einem älteren Buch gelesen habe: „Die Schillerfalter werden vom Schweiß angelockt und können dem Menschen zuweilen lästig werden.“ Ja, damals muss es diese Schmetterlinge noch massenhaft gegeben haben...


„Mein“ Kleiner Schilli saugt Schweiß von meinem Bein. Original-Aufnahme vom 8. Juli 1981. (links)

Dieses Portfolio (oben rechts) zeigt wichtige Details aus dem Leben der Schillerfalter: Oben links ein saugt ein Männchen des Gr. Schillerfalters Schweiß an meiner linken Hand. Der Saugrüssel ist deutlich zu sehen. Es ist also kein gestelltes Bild, sondern ein Bild aus der freien Natur. Der Falter ist aus freiwillig zum Saugen auf meine Hand geflogen. - Im Bild darunter erkennt man die Uhrzeit: 11.22 Uhr – also Vormittag. Das ist ganz typisch, dann nachmittags sitzen die meisten Schillerfalter gut versteckt in den Gipfeln der Bäume – und niemand bekommt sie mehr zu Gesicht. Deutlich zu sehen ist auch, dass der Blauschiller je nach dem Einfallswinkel des Lichts wechselt. Auf dem unteren Foto schillern die beiden Vorderflügel nur wenig. Auf dem rechten Foto erkennt man die charakteristische Unterseiten-Zeichnung des Gr. Schillerfalters, die sich deutlich von der des Kl. Schillerfalters unterscheidet .Der Falter saugt munter weiter. Im Hintergrund ist der Lebensraum des Falters zu sehen: Offene lichte Waldwege – hier am Dollberg bei Türkismühle. - Die drei Bilder zeigen alle den gleichen Falter.


Ganz behutsam halte ich dem wunderschönen Falter meinen Zeigefinger hin. Und tatsächlich - er klettert drauf. Und saugt weiter! Gaaaanz laaangsaaaam strecke ich den linken Arm mit dem saugenden Falter aus. Mit der freien rechten Hand schalte ich das Blitzgerät an, gebe Blende und Entfernung vor. Ganze 55 Zentimeter! Es gelingt tatsächlich, und die Fotos werden ausgezeichnet.


(Gr.) Schillerfalter schillern in unterschiedlichen Blautönen – oder fast gar nicht (alles Männchen!)



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Kommentare: 10
  • #1

    adele.sansone (Donnerstag, 14 Januar 2016 10:45)


    A gsunda Schwitz ist eben viiiiel wert! - Wer in den Alpen wandert hat dann auch gerne diese Besucher auf Armen, Beinen (so man rastet) oder den Fingern...
    Das Schmetterlingsbuch kann ich übrigens nur wärmstens empfehlen ... siehe
    https://pagewizz.com/schmetterlinge-entdecken-und-verstehen-eine-sachbuch-34350/

  • #2

    Arno (Donnerstag, 14 Januar 2016 10:47)

    Hallo Rainer und Andreas,

    das ist ein ganz tolles Naturerlebnis und auch sehr lebendig und heiter erzählt. Und dann noch mit sehr schönen Fotos dokumentiert. Überhaupt gefällt mir der Erzählstil von Rainer; da fühlt man sich gerade so, als stehe man dabei. Selbstredend habe ich das Buch von Rainer und kann es nur wärmstens empfehlen. Das legt man erst aus der Hand, wenn man auf der letzten Seite angekommen ist, wenn überhaupt.
    Viele Grüße, Arno

  • #3

    Michael Linnenbach (Donnerstag, 14 Januar 2016 11:08)

    ...wieder mal super, herzl. Grüße an euch beide!

  • #4

    Robert Kubacki (Donnerstag, 14 Januar 2016 11:10)

    Very interesting article, thank you Andreas. Greetings to you and the author.

  • #5

    Werner Thomas (Donnerstag, 14 Januar 2016 11:53)

    Toller Bericht! Mal wieder was dazu gelernt. Danke euch beiden!

  • #6

    Christiane Gallinat (Donnerstag, 14 Januar 2016 11:55)

    Faszinierend, es ist wunderbar wie der Autor es versteht den Leser und Betrachter in die Welt der Schmetterlinge eintauchen zu lassen. Das Buch habe ich auch, da es kein trockener Roman ist, nehme ich es öfter zur Hand. Mal um etwas nachzulesen, mal um wieder in die kleine große Welt der Schmetterlinge einzutauchen.

    Vielen Dank lieber Rainer Ulrich und lieber Andreas! :)

  • #7

    Stephan Dzikonski (Donnerstag, 14 Januar 2016 17:23)

    Dieses Buch lag für mich unter dem Weihnachtsbaum und das nicht zufällig.
    Ich danke euch noch einmal für den Tip. Es wird mir bei der geplanten Naturfotografie in den kommenden Jahren sehr hilfreich sein.
    Gruß Stephan

  • #8

    Olaf Wenkebach (Freitag, 15 Januar 2016 15:50)

    Dieser tolle und lebendige Bericht gefällt mir so gut, das ich mir jetzt gleich das Buch bestellen werde! Vielen Dank Andreas für den Hinweis auf diesen Bericht, und natürlich ganz besonderen Dank an Rainer Ulrich! Ich freu mich schon jetzt auf weitere Zeilen aus deinem Buch!!
    LG Olaf

  • #9

    Bernd Flicker (Freitag, 15 Januar 2016 20:01)

    Ein Hochgenuss wie Reiner auf Seite 86+87 in seinem Buch diesen Bericht schreibt. Solche Erzählungen reihen sich aneinander und machen den Unterschied aus, der dieses Buch von allen anderen Büchern die es über Schmetterlinge gibt unterscheidet. Geschichten wie diese gespickt mit neusten Erkenntnissen ziehen alle Schmetterlingsfreuende in ihren Bann. Ich kann Rainer nur gratulieren und möchte allen Naturliebhabern und solche die es werden möchten dieses fantastische Buch wärmstens empfehlen.
    LG Bernd

  • #10

    Rainer Ulrich (Dienstag, 19 Januar 2016 09:13)

    Herzlichen Dank für eure erfrischenden Kommentare. Schön, dass ich euch mit meinem Schillerfalter-Erlebnis eine Freude bereiten konnte.

    Rainer Ulrich